31. REGENSBURGER STUMMFILMWOCHE 2013

Erste Woche: DAS CABINET DES DR. CALIGALRI, ein Meilenstein des Horrorkinos und einer der ersten expressionistischen Filme. DIE FINANZEN DES GROSSHERZOGS, die einzige Komödie von F.W. Murnau. Und UNHEIMLICHE GESCHICHTEN, eine nächtliche Sitzung in einem Antiquariat mit Teufel, Tod und Dirne in fünf Episoden.

Zweite Woche: DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED, der erste lange Animationsfilm überhaupt. Dazu DAS KABINETT DES DR. LARIFARI, ein Marionettenfilm als Vorfilm. DIE BERGKATZE, eine subversive Militärkomödie von Ernst Lubitsch in den Bergen. Im Anschluss DER BERG DES SCHICKSALS, der Start großer Karrieren: des Bergsteigers Luis Trenker und des Kameramanns Arnold Fanck. Und zum Abschluss FAUST, ein expressionistischer Klassiker, ebenfalls von F.W. Murnau mit wuchtigen Licht-Schatten-Effekten, entfesselter Kamera und der modernsten Tricktechnik seiner Zeit.

➜ das Programmheft zur Stummfilmwoche 2013 pdf

STUMMFILME mit Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert (München), Rainer J. Hofmann (Regensburg), Bertl Wenzl & Markus Stark (Regensburg), Gebrüder Teichmann & Leopold Hurt, Aljoscha-Zimmermann-Ensemble (München)

DAS CABINET DES DR. CALIGARI

Robert Wiene, D 1919, 74 Minuten, viragiert, 35 mm Drehbuch: Carl Mayer, Hans Janowitz, Kamera: Willy Hameister, Bauten: Hermann Warm, Walter Reimann, Walter Röhrig, Kostüme/Grafik: Walter Reimann, DarstellerInnen: Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover, Friedrich Feher, Hans Heinrich von Twardowski u.a. Photos: Deutsches Filminstitut Kopie: Deutsches Filminstitut, Wiesbaden

Ein Meilenstein des Horrorkinos. Wiene setzt seine Figuren in eine expressionistische Welt: Dr. Caligari, der auf Jahrmärkten sein Medium Cesare ausstellt. Die beiden stehen offenbar mit Morden im Ort in Zusammenhang. Wie Der Kinematograph 1920 schreibt: "Die Welt malt sich anders im Hirn eines Wahnsinnigen" - so sind alle Kulissen mit dem Pinsel skizziert und tragen "den Charakter der Unwirklichkeit" (S. König). Und Jan Kahlert spielt ein Trautonium dazu!

Live-Musik: Klaus Reichardt & Jan Kahlert (München)

Dieser Film ist ein früher Meilenstein des Horrorkinos. Dr. Caligari ist ein Schausteller auf einem Jahrmarkt. Sein "Ausstellungsstück" ist Cesare, ein schlafendes Medium, das in die Zukunft sehen kann. Ein Student stellt die schrecklichste aller Fragen: "Wie lange werde ich leben?" Die Voraussage - "Bis zum Morgengrauen" - bewahrheitet sich. Es zeigt sich, dass Dr. Caligari seinen willenlosen Somnambulen des Nachts mobilisiert und ihn im Ort Morde begehen lässt. Der sich schnell formierende Mob jagt den Verbrecher, dessen Spur in ein Irrenhaus führt. Zu aller Überraschung ist Dr. Caligari der Leiter dieser Nervenheilanstalt und der Erzähler der ganzen Rahmenhandlung ein Insasse. Wer ist nun wahnsinnig? Wem kann man trauen? Ist die Auflösung wirklich eine Erlösung oder fehlt nicht noch eine letzte Volte, die alles wieder relativiert?

Regisseur Robert Wiene setzt seine Figuren in eine expressionistische Welt: Nichts ist natürlich, alle gebauten Räume und Landschaften sind mit dem Pinsel skizziert und tragen "den Charakter der Unwirklichkeit" (S. König). Die Kulissen sind verzerrt und angsteinflößend wie das Innenleben der Protagonisten. Ein Alptraum, dem nicht zu entrinnen ist. "Sein grafischerStil wird zum Synonym für eine zerrissene Zeit" (Deutsche Kinemathek). Gedreht 1919 macht Caligari die Unsicherheit und Instabilität kurz nach dem Ersten Weltkrieg sichtbar. Man beachte - neben dem willenlosen Cesare - nur die Beamten auf ihren überhohen Stühlen, die auf die Bittsteller hinabblicken. Die machtausübenden Autoritäten sind der Quell dieses Horrors. Nicht umsonst nennt der Filmsoziologe Siegried Kracauer sein Buch über die Anfänge des deutschen Kinos "From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film" (1947). Conrad Veidt begründet mit dieser Rolle seinen Ruhm. Er spielt den Schlafenden bedrohlich und grauenhaft: "nervenschwache Personen können Alpdrücken davon bekommen" (Der Kinematograph 1920).

Musikalisch gibt es dazu ein Schmankerl: Jan Kahlert bringt sein Trautonium mit. Als eines der ersten elektronischen Instrumente, entwickelt um 1930, produziert es eine enorme Bandbreite an interessanten Klängen, die dem expressionistischen Film mit Sicherheit eine passende Note geben.

  • Do 08.08.

    20:30

  • Fr 09.08.

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  • Sa 10.08.

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  • So 11.08.

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  • Mo 12.08.

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  • Di 13.08.

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  • 2013

DIE FINANZEN DES GROSSHERZOGS

Friedrich Wilhelm Murnau, D 1924, 80 Minuten, viragierte und restaurierte Fassung, DVD, Buch: Thea von Harbou (nach einem Roman von Frank Heller), Produktion: Erich Pommer, Kamera: Karl Freund, Franz Planer, DarstellerInnen: Harry Liedtke, Mady Christians, Alfred Abel, Robert Scholz, Julius Falkenstein, Hermann Vallentin, Max Schreck u.a. Photos: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Kopie: ARTE, Mainz; Rechte: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden.

Die einzige Komödie des Meisters des Unheimlichen, F.W. Murnau. In leichter mediterraner Atmosphäre zeigt er am Beispiel des Zwergstaates Abacco, dass eine Finanzkrise auch zu komischen Verwicklungen führen kann - Murnau erweist sich hier auch als Meister der kleinen Skurrilitäten. Die Liste der Beteiligten ist das Wer-ist-wer des Weimarer Kinos. Zum ersten Mal ist dieser Geheimtipp auf der Stummfilmwoche zu sehen.

Live-Musik: Rainer J. Hofmann (Regensburg)

Der mediterrane Inselstaat Abacco steht kurz vor dem Bankrott. Großherzog Don Ramon lässt trotzdem den Finanzminister mit seinen Rettungsplänen abblitzen und in seinem luftigen Palast den Herrgott einen guten Mann sein. Er unternimmt dann doch einen Versuch, die Staatskasse aufzubessern, und plant eine Heirat mit der reichen Olga. Aber, wie Helma Sanders-Brahms zur Handlung schreibt: "Hauptsache, der Großherzog (Harry Liedtke) ist jung und attraktiv, und bei Gott, das ist er! Und die Frau (Mady Christians), die seine Rettung bedeutet, eine russische Großfürstin mit all dem Geld, das er nicht hat, ist es auch." Derweil tauchen die ersten Spekulanten auf. Der eine will einen Teil der Insel kaufen und eine Schwefelmine in Betrieb nehmen - Don Ramon lehnt ab, weil er seine Untertanen nicht diesem Dreck aussetzen will. Der zweite bekommt Wind von der anvisierten Heirat und möchte einen Börsencoup mit den derzeit wertlosen Staatspapieren landen. Außerdem soll eine Revolution angezettelt werden.

Es geht rund auf Abacco, Verkleidungen und Namenswechsel eingeschlossen. "Die Finanzen des Großherzogs" ist die einzige Komödie von F.W. Murnau. Sein Ruhm als einer der besten deutschen Regisseure aller Zeiten kommt aus einer ganz anderen Ecke - er gilt als der Meister des Unheimlichen mit Werken wie "Nosferatu" oder "Faust" (siehe 17. August). Er beherrscht aber auch die so schwierige leichte Muse, US-Kritiker verleihen diesem Werk gar das Qualitätssiegel "Lubitsch-Touch". Evtl. auch wegen Harry Liedtke, der auch in diversen seiner Komödien auftaucht?

Die Liste der anderen Beteiligten liest sich wie das Wer-ist-wer des Weimarer Kinos: Thea von Harbou ist nicht nur hier die Drehbuchautorin, sondern auch bei Klassikern Fritz Langs wie "Metropolis" oder "Frau im Mond". Karl Freund hat die entfesselte Kamera entwickelt und die grandiose Erstfassung des Klassikers "Die Mumie" verantwortet. Und wer genau hinschaut, erkennt Nosferatu Max Schreck als einen der drei Verschwörer - natürlich "den Unheimlichen". Dieser Film ist einer der verborgenen Schätze des deutschen Kinos.

Mit Dank an die ZDF/ARTE-Filmredaktion für die Bereitstellung der DVD aus dem Stummfilmprogramm von ARTE, wo seit über 20 Jahren einmal monatlich ein restaurierter Stummfilm zu sehen ist. Wir dürfen in Form dieser Kooperation davon profitieren: Unter der Überschrift"Schatzkästchen" zeigen wir ein Werk auf DVD, das derzeit nicht auf 35mm verfügbar ist und bisher noch nicht auf der Regensburger Stummfilmwoche zu sehen war.

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UNHEIMLICHE GESCHICHTEN

Richard Oswald, D 1919, 99 Minuten, sw, 35 mm Buch: Richard Oswald, nach den Geschichten "Die Erscheinung" von Anselma Heine, "Die Hand" von Robert Liebmann, "Die schwarze Katze" von Edgar Allen Poe und "The Suicide Club" von Robert Louis Stevenson, Produktion: Richard Oswald, Kamera: Carl Hoffmann, DarstellerInnen: Anita Berber (div. Rollen), Conrad Veidt (div. Rollen), Reinhold Schünzel (div. Rollen), Richard Oswald, Hugo Döblin, Paul Morgan, Georg John u.a. Photos: Deutsches Filminstitut Kopie: Deutsches Filminstitut, Wiesbaden

Eine nächtliche Sitzung in einem Antiquariat mit Teufel, Tod und Dirne. Fünf Episoden, geschrieben u.a. von E. A. Poe und R. L. Stevenson, werden von diesem Trio in alten Folianten entdeckt und so intensiv gelesen, dass sie selbst die Rollen in diesen Geschichten über-nehmen. Anita Berber, Reinhold Schünzel und Conrad Veidt haben oft zusammen gearbeitet, ihre "Sittenfilme" griffen Themen wie Drogensucht, Homosexualität und Prostitution auf.

Live-Musik: Bertl Wenzl & Markus Stark (Regensburg)

Zur Geisterstunde steigen in einem Antiquariat drei unheimliche Gestalten aus ihren Gemälden: Teufel, Tod und Dirne. Sie greifen sich staubige Folianten und lesen sich gegenseitig fünf Geschichten in einer solchen Intensität vor, dass sie selbst die Rollen in diesen Erzählungen übernehmen.

Die drei Hauptdarsteller der "Grausigen Nächte" (so der alte Titel) Anita Berber, Reinhold Schünzel und Conrad Veidt haben in der frühen Zeit des Kinos oft zusammen gearbeitet. Richard Oswald entdeckte sie in kleinen Rollen am Theater und im Film und begründete mit diesem Ensemble den Sitten- bzw. Aufklärungsfilm. Unter wissenschaftlicher Mitarbeit des Sexualforschers Magnus Hirschfeld schrieb und drehte Oswald Filme zu Abtreibung, Prostitution, Homosexualität – und trat so die Diskussion zur Einführung der Zensur im Kino los. Zur Frau im Ensemble: "Sie war die schamloseste Frau der Weimarer Republik – als solche jedenfalls die berühmteste: die Nackttänzerin Anita Berber." (FAZ 2006). Ist das ein Wunder bei Tanzprogrammen wie "Tänze des Lasters, des Grauens und der Extase"? "Die Berber zog Skandale förmlich an, sie nahm Morphium und Kokain, trank pro Tag eine Flasche Cognac und prügelte sich mit jedem, der ihr quer kam." (R.D. Herbrand) – und starb mit 29 Jahren. Reinhold Schünzel ist ebenfalls ein Filmgesicht, das im Gedächtnis bleibt. Er taucht oft als Verführer oder Zuhälter, als Erpresser oder Lebemann auf. Später hat er sich aufs Regieführen verlegt und u.a. "Viktor Viktoria" und "Amphytrion" gedreht. Nach seiner Emigration in die USA war es mit seiner Karriere so gut wie vorbei. Conrad Veidt schließlich (siehe auch "Dr. Caligari" am 8. August sowie die Titelseite) wurde mit seinen oft dämonischen und düsteren Rollen und seinem elegant-extravaganten Äußeren zu einem der prägenden Schauspieler des Weimarer Kinos und des frühen Hollywood. Einer seiner letzten Auftritte war Major Strasser, der Nazi-Offizier in "Casablanca".

In diesem frühen Horrorfilm zeigen sie sich in je sechs verschiedenen Rollen, und Bertl Wenzl & Markus Stark machen eine unheimliche Musik zu ebendiesen Geschichten.

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DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED

Lotte Reiniger, D 1923-1926, 66 Minuten, viragiert, 35 mm, Buch: Lotte Reiniger, nach Motiven des orientalischen Märchens 1001 Nacht, Animation: Lotte Reiniger, Mitarbeit: Walter Ruttmann, Berthold Bartosch, Alexander Kardan, Walter Türck, Aufnahmeleitung und Kamera: Carl Koch, Produzent: Louis Hagen.

Vorfilm: Die große Liebe einer kleinen Tänzerin, Alfred Zeisler, D 1924, 16 Minuten, viragiert, 35 mm, Buch: Victor Abel, Kamera: Franz Meinecke, Marionettenspieler: Powell-Schwiegerling-Co., Photos: Christel Strobel und Deutsches Filminstitut, Kopien: Deutsches Filminstitut, Wiesbaden, Rechte Prinz Achmed: Christel Strobel, Agentur für Primrose Film Productions

Der erste lange Animationsfilm überhaupt. Magisch und verwunschen sind die Geschichten aus 1001 Nacht, und ebenso phantastisch sind die bewegten Bilder, die Scherenschnittmeisterin Lotte Reiniger aus Photokarton und Butterbrotpapier geschaffen hat. Ein orientalischer Farbenrausch. Als Vorfilm ein Marionettenfilm mit dem wunderbaren Arbeitstitel "DAS KABINETT DES DR. LARIFARI" - Inspiration für Tim Burton?

Live-Musik: Gebrüder Teichmann & Leopold Hurt

Magisch und verwunschen sind die Geschichten aus 1001 Nacht, und ebenso phantastisch sind die bewegten Bilder, die die Scherenschnittmeisterin Lotte Reiniger geschaffen hat. Drei Jahre Handarbeit stecken im ersten animierten Langfilm der Geschichte. Aus Butterbrotpapier werden fast dreidimensional anmutende Landschaften, die feingliedrigen Figuren aus schwarzem Photokarton sind mit Draht beweglich gemacht. Knapp 100.000 Einzelbilder, photographiert vom Ehemann Reinigers, bringen die Abenteuer auf die Leinwand, die Prinz Achmed auf dem fliegenden Pferd des bösen Zauberers bestehen muss - inklusive Feen, Dämonen, gute Hexen und Aladin mit seiner Wunderlampe. Bei den besonders phantastischen Szenen arbeiteten zwei Größen der Avantgarde mit: der Trickfilmer Berthold Bartosch und der Maler Walter Ruttmann, der als Regisseur auch den rhythmischen "Berlin - Sinfonie der Großstadt" geschaffen hat. Bei der schwierigen Restaurierung des Prinzen Achmed konnte auch die Viragierung wiederhergestellt werden, so erleben wir auch heute diesen Silhouettenfilm als orientalischen Farbenrausch.

Als Vorfilm zeigen wir einen Marionettentrickfilm mit dem wunderbaren Arbeitstitel "Das Kabinett des Dr. Larifari", der die Inspiration zu diesem Kurzfilm viel deutlicher zum Ausdruck bringt als der schließlich verwendete "Die große Liebe einer kleinen Tänzerin" - nicht nur, weil er ebenso auf einem Jahrmarkt mit expressionistisch gestalteten Bauten angesiedelt ist. Warum sich der Marionettenfilm in dieser frühen Zeit nicht mehr durchgesetzt hat ist beim Ansehen dieser liebevollen Animation kaum nachzuvollziehen. Welche Möglichkeiten bieten sich hier für die kleine Tänzerin, zwei Männern den Kopf zu verdrehen! Ob sich nicht Tim Burton hier eine Portion Inspiration geholt hat?

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DIE BERGKATZE

Ernst Lubitsch, D 1921, 82 Minuten, sw, 35 mm Buch: Hanns Kräly, Ernst Lubitsch, Produktion: Paul Davidson, Kamera: Theodor Sparkuhl Bauten: Max Gronau, Ernst Stern, DarstellerInnen: Pola Negri, Victor Janson, Paul Graetz, Marga Köhler, Hermann Thimig u.a. Photos: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Kopie: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Eine sehr subversive Militärkomödie von Ernst Lubitsch. Es gibt ein uneinnehmbares Fort in den Bergen mit schier unglaublich verschnörkelt-expressionistischer Architektur, drumherum viele Banditen und eine Räuberhauptmannstochter, die frech einen dorthin strafversetzten Schürzenjäger abfängt. In dieser verschneiten Bergwelt geht's rund - ein starker Kontrast zum zweiten Bergfilm im Programm:

LIVE-MUSIK: ALJOSCHA-ZIMMERMANN-ENSEMBLE

Pola Negri, eigentlich gebucht auf mondäne Damen und Vamps, ist "die Bergkatze" – eine wilde Räuberhauptmannstochter in den verschneiten Bergen. Sie fängt den Schürzenjäger Alexis ab, der in das entlegene Fort strafversetzt wurde, um von der Damenwelt ferngehalten zu werden. Aber es gibt dort nicht nur besagte Bergkatze, sondern auch die heiratswütige Tochter des Kommandeurs und der Kommandeuse. Welche der Damen wird wohl – unterstützt durch die Banditen bzw. das Militär – den Kampf um Alexis gewinnen?

Rasanz und Raffinement zeichnen dieses Werk aus, es ist ein typischer Lubitsch. Er selbst bezeichnete "Die Bergkatze" als seinen Film mit dem meisten Witz, trotzdem war er ein Flop an der Kinokasse. Vielleicht war die Zeit so kurz nach dem Ersten Weltkrieg noch nicht reif für subversive Militärkomödien – eine der ersten der Filmgeschichte. Außergewöhnlich sind die unglaublich verschnörkelt-expressionistischen Bauten und die sehr phantasievollen Passepartouts, die die einzelnen Einstellungen mit Wellen und Ecken und Rauten und Fransen einrahmen. "Die Bergkatze" ist "eine MontyPython-artige Parodie des deutschen Expressionismus und des deutschen Militärs" (www.polanegri.com). Auf dieser Fanseite über die exzentrische Diva Pola Negri, die schon 1923 bei der Paramount zu einer der frühen Stummfilmdiven aufstieg, findet sich auch der schöne Satz: "born in Poland, made in Germany, stolen by Hollywood".

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BERG DES SCHICKSALS

Arnold Fanck, D 1924, 89 Minuten, sw, 35 mm, Buch: Arnold Fanck, Produktion: Arnold Fanck (Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg i. Br.), Kamera: Sepp Allgeier, Arnold Fanck, Eugen Hamm, Herbert Oettel, Hans Schneeberger, DarstellerInnen: Hannes Schneider, Hertha von Walther, Erna Morena, Luis Trenker, Frida Richard, Gustav Oberg u.a. Photo: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Kopie: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Der Start großer Karrieren: des Bergsteigers Luis Trenker und "seines" Kameramanns Arnold Fanck. Was wäre die spektakuläre Besteigung der Guglia del Diavolo - zusammen mit Hertha von Walther - wenn niemand sie hätte filmen können? Gedreht an Originalschauplätzen sind Fanck und Sepp Allgeier in Augenhöhe, wenn sie in Wänden hängen und mit Naturgewalten kämpfen - die melodramatische Handlung geht daneben fast unter.

LIVE-MUSIK: RAINER J. HOFMANN

Der "Berg des Schicksals" hat schon viele Menschenleben gefordert, so ist auch der Vater des jungen Bergsteigers an der bislang unbezwungenen Guglia del Diavolo verunglückt. Es selbst scheitert mehrfach, bis ihm seine sorgenvolle Mutter das Versprechen abringt, keinen Versuch der Besteigung mehr zu unternehmen. Seine Jugendfreundin, seit jeher fasziniert von der Wand, lässt sich allerdings nicht abhalten ..

Dieses Bergdrama markiert den Start großer Karrieren: Bergsteiger Luis Trenker gibt hier in einer Nebenrolle sein Debut. Tänzerin Leni Riefenstahl fand den Film so faszinierend, dass sie umgehend in die Berge reiste, Luis Trenker einen Brief an Regisseur Arnold Fanck in die Hand drückte und schließlich in dessen nächstem Werk ihre erste Hauptrolle spielte – Grund genug für sie, ebenfalls Bergsteigen, Skifahren und Filmemachen zu lernen.

Fanck hatte seit den Zehnerjahren schon einige Spiel- und Dokumentarfilme über Bergsport realisiert und als Kameramann, gemeinsam mit Sepp Allgeier und Hans Schneeberger, revolutionäre neue Bilder der Bergwelt geschaffen. Was für Bergfexe müssen das sein, die nicht nur mit den Bergsteigern vor der Kamera mithalten, sondern dabei auch die ganze Technik auf dem Rücken tragen? "Da es damals noch keine anderen Kameramänner gab, die klettern oder im schweren alpinen Gelände auch nur gehen konnten, musste ich nolens volens den Film selbst drehen. Und gleichzeitig die Regie führen. Holte mir aber natürlich junge Bergsteiger, um das Stativ zu tragen und aufzustellen."

Durch das Einfangen in Filmbilder wird die Erstbesteigung der Guglia del Diavolo noch spektakulärer. Die visuellen Qualitäten der Außenaufnahmen sind noch heute unbestritten – Skifahrer im Gegenlicht, die in Parallelschwüngen durch den Tiefschnee stauben, heftige Lawinen, Schneestürme, Wolkengebirge. Fanck drehte immer an Originalschauplätzen – hier den Tiroler Alpen. So sind diese "nicht nur Schauplatz der Handlung, sondern auch aktiver Mitspieler." (Jürgen Dittrich).

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FAUST - EINE DEUTSCHE VOLKSSAGE

Friedrich Wilhelm Murnau, D 1925, 89 Minuten, sw, 35 mm, Buch: Hans Kyser nach Motiven von Johann Wolfgang von Goethe und Christopher Marlowe, Produktion: Erich Pommer, Kamera: Carl Hoffmann, Bauten: Robert Herlth, Walter Röhrig, DarstellerInnen: Emil Jannings, Camilla Horn, Gösta Ekman, Wilhelm Dieterle, Hertha von Walther, Frida Richard u.a., Photos: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Kopie: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Ein expressionistischer Klassiker, ebenfalls von F.W. Murnau: Wuchtige Licht-und-Schatten-Effekte machen die Räume extrem plastisch, ja fast dreidimensional, die "entfesselte Kamera" und modernste Tricktechnik der Zeit lassen den alten Faust jung werden, Mephisto die Pest in die mittelalterliche Stadt hineinblasen, den teuflischen Emil Jannings omnipräsent und die beschauliche Stadt zur alptraumhaften Kulisse werden. Lassen auch Sie sich von Mephisto verführen?

Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble (München)

Mephisto wettet mit dem Erzengel Gabriel, er könne jeden Menschen vom Weg Gottes abbringen. Einsatz ist die Herrschaft über die Welt. Der alte Gelehrte Faust soll das Exempel sein. Mephisto zieht alle Register seiner Kunst und bringt die Pest über dessen Heimat. Faust kann den Sterbenden, die zu ihm kommen, nur sagen: "Wir sind verloren. Es hilft kein Glaube, es hilft kein Wissen!" Nachdem er von Gott keinen Beistand bekommt, beschwört er mit Hilfe des althergebrachten Wissens in seiner Bibliothek den Teufel und schließt einen tödlichen Pakt mit ihm. Mephisto muss Faust alle Wünsche erfüllen und schenkt ihm zudem ewige Jugend. Faust führt ein ausschweifendes Leben, sehnt sich aber nach der kleinbürgerlichen Unschuld und findet sie in Gretchen. Diese reine Liebe ist eine Bedrohung für die Ziele des Teufels ..

FAUST von F.W. Murnau ist ein expressionistischer Klassiker, der die "entfesselte Kamera" und modernste Tricktechnik der Zeit beeindruckend einsetzt. Wuchtige Licht-und-Schatten-Effekte machen die Räume extrem plastisch, ja fast dreidimensional. "Die schöne deutsche Bezeichnung von Kino als ‚Lichtspiel‘ findet hier ihre tiefste Dimension." (Helma Sanders-Brahms). "Der Film beschwört in magischen Bildern die Mythen der Schrecken des Mittelalters herauf. Er hat nichts zu tun mit Zivilisation. Die Welt ist groß und dunkel und von Schicksalsmächten beherrscht. Gut und Böse liefern sich ihren ewigen Kampf. Und der Mensch ist ganz klein, und die Modelldörfer liegen in riesigen, schneebedeckten Studiowüsten, über die Windmaschinen den schwarzen Rauch der Pest treiben." (Oskar Roehler).

Der feiste Emil Jannings, erster Oscar-Preisträger, ist ein herausragender Mephisto, stilbildend in seiner Maske bis heute. "Jannings, der wie aus Lehm geknetete Kobold und Wandermönch, ist plötzlich federnd geschmeidig, glänzend wie schwarzes Fett oder Schlangenhaut, anziehend und abstoßend zugleich, ein Fürst der Banalität des Bösen." (nochmals H.S.B.)

Live-Musik: Aljoscha-Zimmermann-Ensemble (München)

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